Bretter, die die Welt bedeuten

 

 

München ist die Stadt der Skateparks. 35 gibt es insgesamt. Die Hirschgarten-Bowl ist neben der in Trudering eine der neuesten Anlagen. Hier trifft sich die Szene.

Wie ein gestrandetes Ufo liegt der Skatepark mit seiner gebogenen Lärmschutzwand aus grauem Beton zwischen Hirschgarten und S-Bahn-Stammstrecke. Innen, am Rand der „Bowls“, zweier tiefen Betonwannen, steht Tommy. Zu drei Vierteln ragt sein Skateboard über den Rand des Abgrunds. Mit dem linken Bein drückt er das hintere Ende seines Boards fest auf den Boden, konzentriert sich auf die bevorstehende Abfahrt. Dann zieht er sein rotes Basecap in die Stirn, setzt sein rechtes Bein nach vorne, verlagert das Körpergewicht in Richtung Abgrund und stürzt sich mit dem Board senkrecht nach unten.

Skaten in München

Allein beim Zusehen wird einem mulmig: Wer schon mal im Schwimmbad auf dem 10-Meter-Brett stand und statt zu springen lieber wieder die Leiter nach unten geklettert wäre, kennt das Gefühl. Doch für Tommy bedeutet gerade dieser Nervenkitzel pures Vergnügen: Ein Grinsen im Gesicht rauscht er auf seinem Board nach wenigen Sekunden an der gegenüberliegenden Seite der Betonwanne wieder nach oben, dreht sich mitsamt des Bretts klackernd am Rand der Bowl um 180 Grad und rauscht wieder abwärts.

Skateboardfahren ist keine Eintagsfliege, sondern ein etablierter Sport. Ein paar Jungs aus der kalifornischen Surferszene hatten vor gut 50 Jahren die Idee, statt nur auf dem Meer auch auf der Straße zu surfen. Sie erfanden den „Asphaltsurfer“, ein verkleinertes Surfbrett mit Rollen darunter. Doch die geradlinigen Strandpromenaden wurden bald langweilig und boten kein echtes Surffeeling. Das änderte sich, als die Szene leere Swimmingpools entdeckte. In Form einer Schüssel gebaut, nicht wie hierzulande rechteckig, boten viele Pools die ideale Voraussetzung zum Surfen.

Skaten in München

„Die Bowls zu fahren macht Spaß“, sagt Tommy, der auch Skateboardkurse leitet, als er über den Rand der Bowl wieder nach oben springt und lässig im Sprung sein Board auffängt. „Obwohl wir als Streetskater mehr auf der Straße unterwegs sind“. Mit wir meint er Roland und Conny, die an diesem schwülen Vormittag gemeinsam mit ihm Runden durch die Bowl drehen. „Auf der Straße ist es anders, da muss man kreativer sein, sich die Umgebung nutzbar machen“, erzählt Tommy. Aber an Tagen wie heute, mit wenig Betrieb und viel Platz, biete die Bowl auch Streetskatern Gelegenheit, den klassischen Flow zu erleben, das Aufgehen in den fließenden Surfbewegungen. Roland würde sich von der Stadt trotzdem mehr Unterstützung für das Streetskating. „Als Streetskater ist man immer auf der Suche nach neuen Spots, also Orten, wo Rampen, Treppen, Mauern oder Geländer darauf warten, befahren und übersprungen zu werden“, sagt er. „In München fehlt leider ein zentraler Platz für uns, daher ist die Szene etwas zersplittert.“ Am Georg-Freundorfer-Platz im Westend sei so ein Spot gewesen. „Bis ein Anwohner dort Lärmmessungen gemacht hat, dann war es  vorbei.“

 

Conny, ein 25-jähriger blonder Lockenkopf, ist wegen einer Verletzung ohne sein Skateboard gekommen. Auf einem Handyfoto zeigt er seinen gebrochenen, bandagierten Zeh. Doch Zuschauen macht scheinbar Appetit, und so dauert es nicht lange, bis er Rolands Board unter seinen Füßen hat und sich in die Bowl stürzt. Mit dem Skaten begonnen hat Conny mit zwölf. Mittlerweile studiert er Fotografie. Klar, dass Skatermotive auf vielen seiner Bilder zu finden sind. „Skateboarding und Kunst gehören für mich zusammen“, sagt er.

Gegenüber der geschwungenen Lärmschutzwand mit ihren Bullaugen für Zaungäste begrenzt eine Zuschauertribüne den Skatepark. Auf den erhöhten Steinbänken, wo noch etwas Schatten ist an diesem Vormittag, sitzen Torsten und Lester. Erschöpft und verschwitzt vom Skaten halten sie Rauchpause. „In der Bowl kann es ganz schön heiß werden“, stöhnt Torsten. Lester, der aus den USA kommt, sagt: „So eine Anlage war mein Jugendtraum. Als ich 1982 mit Skaten angefangen habe, gab es so etwas nicht.“ Heute ist er 39.

Die 900 Quadratmeter große Anlage im Hirschgarten, die 2010 eröffnete, besaß als erste in Deutschland eine Fullpipe, eine geschlossene Röhre, in der die Skater sogar bis in die Übervertikale gelangen können. 1,2 Millionen ließ sich die Stadt den Skaterpark kosten – wobei eine Lärmschutzwand den größten Teil der Summe ausmachte. Die neueste Bowl-Anlage in München befindet sich Im Gefilde in Ramersdorf-Perlach. Sie ist 1200 Quadratmeter groß und auch für Skateboard-Anfänger sowie Inline, Kickboard- und BMX-Fahrer offen. Mit vier Bowl-Anlagen ist München übrigens deutschlandweit Vorreiter in dieser Art von Skaterparks.

„Hier im Park trifft man zwei Generationen Skater, viele Könner aus der Szene aber auch viele Einsteiger“, sagt Conny und fährt fort: „Skaten ist kein organisierter Sport, sondern eher was für Individualisten. Die Freiheit ist wichtig. Trainieren kannst du wann und wo du willst, niemand schreibt Dir was vor.“

Auch außerhalb der Skateparks finden Skater Anschluss an die jeweilige Szene. Wer dazu gehört, erkennt die verräterischen Spuren, die Skater in der Stadt hinterlassen. „Wenn Du an einem Treppengeländer Lackspuren findest, dann stammen die hiervon“, erklärt Lester und zeigt die abgeschabte Rückseite seines Bretts. „Das passiert wenn du einen Slide fährst, also an einem Geländer entlang rutschst.“ Auch abgeschabte Ecken an Betoneinfassungen oder dunkle Schatten an Treppenkanten lassen erkennen: Hier sind regelmäßig Skater unterwegs.

Skaten in München

Dass jeder auf sich gestellt, aber dennoch auf die anderen angewiesen ist, stärkt den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl in der Szene. „Wir Skater sorgen selbst dafür, dass die Anlage hier sauber gehalten wird. Scherben oder Steine auf der Bahn sind verdammt gefährlich, jeder weiß das. Auch sonst passen wir aufeinander auf und geben Hilfestellung. Wenn Anfänger ohne Schutzkleidung hier fahren wollen, schicken wir die weg“, sagt Torsten.

Schutzkleidung ist an Torsten und Lester nicht zu sehen. Stattdessen: T-Shirt, Shorts und Sneaker. „Das ist nicht korrekt – schon klar, aber wir wissen, was gefährlich ist, kennen uns und fahren entsprechend vorsichtig, wenn wir ohne Schutz unterwegs sind“, rechtfertigt sich Torsten. „Inzwischen sind Helme zum Glück etabliert, aber früher war das schon uncool“, ergänzt Lester. Dass Verletzungen zum Skateralltag gehören, demonstriert Roland, 36. Er krempelt das Bein seiner Jeans hoch, zeigt die dicken Narben und Schwielen auf seinen Schienbeinen. „Die fühlen sich an wie die von einem Kung-Fu-Meister. Aber so sehen die Beine vieler Skater aus. Diese Narben sind wie Jahresringe – man findet sich einfach damit ab“, sagt er.

Ein Musterbeispiel in Punkto Sicherheit ist dagegen Ingo. Er trägt dicke Knie- und Ellbogenschützer und auf dem Kopf einen schwarzen Sturzhelm. Für Ingo ist die Anlage hier das Paradies. Er ist nicht mit einem Skateboard unterwegs, sondern hat ein Streetboard an seine Füße geschnallt. Diese Kreuzung aus Snowboard und Skateboard mit einem beweglich gelagerten Mittelstück erlaubt es, sehr enge Kurven zu fahren – perfekt für die Bowl. Die Standfläche ist breiter als beim Skateboard und geradeaus geht’s in Schlangenlinien. Da die Füße ähnlich wie bei einer Snowboard-Bindung fixiert sind, müssen die Drehbewegungen zum Fahren aus dem Oberkörper kommen. Ingo rollt erst langsam in die Bowl hinab. Am Boden aber fährt er schneller als jeder andere Skater. Oben angekommen, lässt er die Achsen seines Boards kratzend über die        Stahleinfassungen der Bowl, schleifen. Dann dreht er noch einige schnelle Runden, um Schwung für die Fahrt durch die sogenannte Fullpipe zu bekommen. In dieser Betonröhre mit sechs Metern Durchmesser lässt sich mit entsprechender Geschwindigkeit eine 360-Grad-Drehung erreichen. Ein Kinderspiel für Ingo, der regelmäßig an Wettbewerben teilnimmt. Zack ist er in der Fullpipe, fährt den Überschlag und ist schon wieder draußen. „Auf dem Skateboard hätte ich mich das nicht getraut. Das Streetboard gibt mir durch die Bindung mehr Sicherheit“, sagt Ingo noch außer Atem. Er ist heute mit seiner Freundin Kim da. Die beiden betreiben zusammen einen Streetboard-Laden. Kim skatet auch. Doch da die beiden Nachwuchs erwarten, sieht Kim zurzeit lieber nur zu.

Langsam zieht die Mittagshitze herauf und die Skater verlassen die Betonlandschaft, die sich nun rasch aufheizt. „Schade, dass man spät am Abend  nicht mehr fahren kann, weil es dann zu dunkel ist“, bedauert Torsten. „Lester und ich arbeiten im Einzelhandel. Wir haben erst um 20 Uhr Schluss, würden dann aber oft noch gerne skaten gehen. Hätte die Bowl eine Flutlichtanlage und ein Dach, wäre die Anlage perfekt, um auch abends und bei schlechtem Wetter  Spaß zu haben.“

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Printausgabe von BISS-München Juli 2013