Wenn Hunde Herzen erobern

Heute mal ein nicht ganz klassischer Münchenbeitrag. Die „Weltstadt“ spielt diesmal nur eine Nebenrolle.

Dass Hunde für soziale Kontakte sorgen, dürfte jedem Hundebesitzer bekannt sein. Dass diese Eigenschaft aber auch gezielt in der sozialtherapeutischen Arbeit zum Einsatz kommt, war mir neu.

Wie das funktioniert und welche Erfahrungen es gibt, darüber habe ich mich mit Wedigo von Wedel vom H-Team in München unterhalten.

Das Interview ist mit vielen weiteren Infos zur Therapie mit Tieren in der Münchner BISS Ausgabe 09/2016 erschienen.

Ist die Sozialarbeit tatsächlich auf den Hund gekommen?

Wedigo von Wedel, Pädagoge und Leiter der sozialen Hilfseinrichtung H-Team e.V. in München, kann diese Frage für sich eindeutig mit einem klarem Ja beantworten. Denn er setzt Hunde gezielt und mit großem Erfolg in seiner pädagogischen Arbeit ein.

Herr von Wedel, die Aussage, die Sozialtherapie sei auf den Hund gekommen, klingt provokativ. Was genau verstehen Sie denn darunter?

Nichts negatives. Ganz im Gegenteil. Hunde leisten bei unserer Arbeit mit hilfsbedürftigen Menschen eine wertvolle Unterstützung. Die Tiergestützte Pädagogik erweitert unsere Möglichkeiten, Menschen die benötigten Hilfeleistungen anzubieten, stark. Teilweise ermöglichen erst die Tiere einen Einsatz bei unseren Klienten. Denn wo wir Menschen mit unserer Kommunikation an Grenzen stoßen, da können Tiere helfen Türen zu öffnen und damit Zugänge zum Gegenüber zu schaffen.

Wie sieht denn diese Unterstützung, welche die Hunde leisten, konkret aus?

Typische Fälle, bei denen wir erfolgreich mit Hunden arbeiten, sind Klienten denen das Miteinander mit anderen Menschen Schwierigkeiten macht, oder bei denen Kommunikation generell stark mit Ängsten besetzt ist. Diese Menschen leben oft einsam und zurückgezogen und sind trotz Isolationsgefühl nicht imstande Hilfe von Aussen anzunehmen. Hier können die Hunde einen emotionalen Zugang schaffen. Sie werden zum Tür- und Herzöffner und ermöglichen dadurch erst die notwendige Unterstützung durch Helfer, Pfleger oder Therapeuten.

Müssen Hunde und Therapeuten dafür speziell ausgebildet sein?

Nein, die Hunde selbst brauchen keine Ausbildung. Ich nehme meine eigenen Hunde – Vidisha, eine Briard-Hündin und Thimpa, eine Tibet-Terrier-Hündin – mit zu den Einsätzen. Für Therapeuten, die mit Tieren arbeiten, ist eine Zusatzausbildung in Tiergestützter Therapie sicher sinnvoll, wenn auch nicht zwingend notwendig. Unabdingbar ist aber eine tragfähige und stabile Beziehung und tiefe Bindung zwischen Therapeut und Tier. Die bildet die Grundlage für jede Art von Wirkung. Ohne diese Bindung, oder wenn die Kommunikation zwischen den Besitzer und Hund nicht funktioniert, wird sich keine therapeutische Wirkung entfalten. Auch auf Seiten der Klienten muss eine Offenheit für Tierkontakte da sein. Es macht keinen Sinn, da jemand zu beglücken, der überhaupt keine Tiere mag.

Wie kommen die Hunde denn damit zurecht?

Man darf natürlich nicht übersehen, dass diese Therapieform auch für die Tiere eine hohe Belastung ist. Das ist schlicht Arbeit – gerade auf für die Tiere. Ausgleich, Ruhezeiten und die schon angesprochene Bindung zum Therapeut sind wichtig.

Wie gelingt es denn nun den Hunden, sich Zugang zum Menschen zu verschaffen?

Auf sehr unterschiedliche Arten. Wie bei einer 55-jährigen Dame, mit Angst- und Zwangsstörungen. Ihre Wohnung drohte zu verwahrlosen, es zeigten sich Vermüllungstendenzen, aber ihre zwanghaften Versuche Ordnung zu schaffen, scheiterten immer wieder aufs Neue. Mit dem selben Druck versuchte sie erfolglos eine Beziehung zu der Hündin aufzubauen. Nach einiger Zeit spürte sie, dass Thimpa auf ihren Druck Kontakt herzustellen, nur mit Rückzug reagierte. Erst als sie sich entspannte und das Wollen aufgab, wurde auch Thimpa zutraulich. “Je mehr ich will, desto schlechter klappt es”, wurde ihr klar. Dieses positive Erlebnis konnte sie schließlich auch auf ihre Wohnsituation übertragen. Die eindeutigen Signale der Tiere unterstützen das Erkennen und Erlernen von Grenzen.

Das war dann sozusagen ein Zugang durch die Hintertür. Erleben sie noch andere Wege, wie die Hunde positiven Einfluss auf das Verhalten ausüben?

Dazu gibt es ein schönes Erlebnis mit einer pflegebedürftigen Dame, das für mich auch eine Initialzündung war, mir so eine Ausbildung zu gönnen. Sie ließ niemanden mehr in ihre Wohnung oder an sich heran, sogar ihre Söhne nicht, die Enkel und Schwiegertöchter schon seit Jahren nicht mehr. Im Beratungsgespräch mit den Söhnen stellte sich heraus, dass Tiere in den Augen der Mutter die besseren Menschen waren. Unser Erstbesuch zusammen mit Thimpa, überraschte uns alle. Die Frau sagte, “wenn sie nur halb so fürsorglich mit mir sind, wie mit Ihren Hunden, dann dürfen sie wieder kommen”.

Was war der Auslöser?

Sie wollte Thimpa immer wieder füttern. Doch diesen Wunsch, die Hündin beliebig zu füttern, lehnte ich deutlich ab. Fütterungsbedürfnis ja, aber eben nicht, wie man gerade lustig ist. Da bin ich verantwortlich gegenüber den Hunden. Diese fürsorgliche Haltung hat sie angesprochen und sie war dadurch realtiv schnell bereit, unsere Betreuung anzunehmen.

Sie achten also darauf, dass die Hunde nicht durch die Klienten vereinnahmt werden.

Ja, da sollte keine Kumpanei entstehen. Durch die Hunde soll ja nur das Eis gebrochen werden. Es sind meist nur drei bis fünf Einsätze in denen die Tiere mitkommen, danach muss es ohne gehen. Das ist das Ziel.

Auch Angststörungen sind ein Einsatzgebiet??

Ja, auch hier gibt es Erfolge. Das kam sehr schön zum Ausdruck bei einem jungen Mann mit einer großen Scheu und Angst – fast einer Sozialphobie. Er war ein Stubenhocker, mit Heim- und Knasterfahrung und vermied es, jegliche Unterstützung anzunehmen. Er hatte einen rechtlichen Betreuer und die Auflage Hilfe anzunehmen, da sich bereits eine Neigung zur Verwahrlosung seiner Wohnung zeigte. Ziel war, ihn zur freiwilligen Annahme von Hilfe zu bringen. Vertrauen war in Ansätzen vorhanden, zudem war er tierlieb und wollte auch gerne ein eigenes Tier haben.

Einer der Einsätze galt dabei dem gemeinsamen Frisbeespiel im Park mit anschließendem Verstecken. Dieses Verstecken war eine Riesenherausforderung für den jungen Mann. Denn dabei bestand für ihn ja die Gefahr, alleine auf fremde Menschen treffen, was er unbedingt vermeiden wollte. Doch mit dem Hund an seiner Seite fühlte er sich emotional so gestärkt, dass er nach und nach seine Furcht überwand.

Die Hunde sorgen also auch für ein Sicherheitsgefühl?

Ungedingt. Dazu die Erfahrung mit einem Mann, der sich nicht mehr traute, bei Tageslicht vor die Haustüre zu gehen – aus Angst, dabei mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Im Sommer, wenn es Abends noch hell war, wurde es für ihn unmöglich sich mit Lebensmitteln zu versorgen, da bei Dunkelheit alle Geschäfte bereits geschlossen hatten.

Das Tier an der zu Leine führen, gab ihm Sicherheit. Der Hund wurde zudem zum Gesprächsthema auf der Straße und so konnte er sich zu seiner eigenen Überraschung mit fremden Menschen angstfrei unterhalten und erlebte, dass die Welt nicht wie angenommen, böse war.

Geht das auch bei Menschen, die Angst vor Hunden haben?

Nein, das wäre eher der Ausnahmefall, dazu ist noch ein weiterer Therapeut nötig, der dann zusätzlich den Klienten mit der Hundephobie unterstützt.

Sie sind ja als Grundschullehrer gestartet, nun betreuen Sie Erwachsene statt Kindern. Wie kam es zu dem Wechsel?

Mein Interesse galt seit jeher der Pädagogik an sich. Elementares Lernen hat mich immer fasziniert. Und das findet ja nicht nur bei Kindern statt. Während meiner Referendarzeit bestanden schon Kontakte zum H-Team, das damals noch ein Pilotprojekt war. Ich fand die Arbeit dort spannender und gab schließlich meine Beamtenkarriere auf. Das Interesse und die Begeisterung am Sozialen Lernen und Menschen dabei zu helfen, waren stärker als eine gesicherte Pension.